Serco / European Homecare
Überblick
Die britische Serco Group plc hat sich durch gezielte Übernahmen zum grössten privaten Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Deutschland aufgebaut. Mit der Übernahme der ORS Deutschland GmbH (2022) und der European Homecare GmbH (März 2024, Kaufpreis ca. 40 Mio. Euro) betreibt der Konzern zusammen rund 130 Unterkünfte und betreut etwa 55.000 Geflüchtete.
Investigative Recherchen von ZDF, WDR und Süddeutscher Zeitung dokumentierten Bruttomargen von bis zu 50% in einzelnen Einrichtungen — bezahlt aus Steuermitteln. Gleichzeitig berichten ehemalige Mitarbeiter und Bewohner über systematische Qualitätsmängel: unzureichende Betreuungsschlüssel, mangelnde Qualifikation des Personals und fehlende Kontrollmechanismen der beauftragenden Kommunen (ZDF Recherche).
Konzernstruktur
Der Serco-Konzern operiert in Deutschland über ein verschachteltes Tochtergesellschaften-Netz:
- Serco Group plc — Britischer Mutterkonzern, börsennotiert an der London Stock Exchange (FTSE 250). Umsatz 2023: ca. 4,5 Mrd. GBP. Geschäftsfelder: Outsourcing für Regierungen (Gefängnisse, Migration, Verteidigung, Transport).
- ORS Deutschland GmbH — 2022 durch Serco übernommen. Die ORS-Gruppe (ursprünglich Schweizer Unternehmen) war bereits in Österreich, der Schweiz und Deutschland im Bereich Asylbetreuung tätig.
- European Homecare GmbH (EHC) — Sitz in Essen. Im März 2024 für ca. 40 Mio. Euro von Serco gekauft. EHC betrieb bereits vor der Übernahme rund 120 Einrichtungen mit ca. 2.200 Mitarbeitern (Stand 2019). Gründer und langjähriger Geschäftsführer war Jürgen Hartwig.
Durch die Zusammenlegung von ORS und EHC unter dem Serco-Dach entsteht ein privater Quasi-Monopolist in der deutschen Asylunterbringung — mit einem Marktanteil, der kaum noch kommunale Alternativen zulässt.
Finanzierung & Margen
Die Einnahmen von Serco/EHC stammen zu 100% aus öffentlichen Mitteln — bezahlt von Kommunen und Landkreisen, refinanziert über Bundes- und Landeszuweisungen. Die Verträge werden in der Regel direkt zwischen dem privaten Betreiber und der beauftragenden Kommune geschlossen.
Dokumentierte Bruttomargen (ZDF/WDR/SZ-Recherchen):
- Messstetten (Baden-Württemberg): 45,1% Bruttomarge
- Bernkastel-Kues (Rheinland-Pfalz): 49,8% Bruttomarge
Das bedeutet: Von jedem Euro, den eine Kommune an EHC zahlt, fliessen bis zu 50 Cent nicht in die Betreuung der Geflüchteten, sondern in Verwaltung, Gewinn und Konzernstrukturen. Bei einem Netz von 130 Einrichtungen und 55.000 betreuten Personen summieren sich diese Margen auf neun- bis zehnstellige Beträge.
Der Serco-Konzern weist in seinem Geschäftsbericht die Deutschland-Sparte nicht separat aus — die genauen Gewinne aus dem deutschen Asylgeschäft sind daher nicht öffentlich nachvollziehbar (Serco Investor Relations).
Standorte & Kapazitäten
European Homecare betreibt Einrichtungen in zahlreichen Bundesländern. Die Schwerpunkte liegen in:
- Nordrhein-Westfalen: Grösste Konzentration, EHC-Firmensitz in Essen
- Baden-Württemberg: Mehrere Grossunterkünfte (u.a. Messstetten)
- Berlin: Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünfte
- Brandenburg: Konkrete Standorte in Brandenburg sind öffentlich nicht dokumentiert. Angesichts der Gesamtzahl von 130 Einrichtungen und der geografischen Nähe zu Berlin ist eine Präsenz in Brandenburg wahrscheinlich, aber nicht verifiziert.
Kapazitäten (zusammen ORS + EHC): ca. 130 Einrichtungen, ca. 55.000 betreute Personen. Damit ist Serco der mit Abstand grösste private Anbieter in der deutschen Flüchtlingsunterbringung — grösser als alle karitativen Träger (DRK, Caritas, Diakonie) in diesem Segment zusammen.
Skandale & Missstände
Die Geschichte von European Homecare ist von wiederkehrenden Skandalen geprägt:
- Burbach-Skandal (2014): In der EHC-Einrichtung Burbach (NRW) misshandelten Wachleute systematisch Bewohner. Videoaufnahmen zeigten, wie Geflüchtete getreten, geschlagen und zum Liegen in Erbrochenem gezwungen wurden. Mehrere Wachleute wurden verurteilt. EHC bestritt, von den Misshandlungen gewusst zu haben (Spiegel, 2015).
- Betreuungsschlüssel: Ehemalige Mitarbeiter berichten von Betreuungsschlüsseln von 1:150 oder schlechter — deutlich unter den Empfehlungen der Länder. Qualifiziertes Fachpersonal (Sozialarbeiter, Psychologen) sei systematisch durch ungelernte Kräfte ersetzt worden.
- Personalmangel & Qualifikation: Die ZDF/WDR-Recherchen dokumentierten, dass EHC in mehreren Einrichtungen weder die vertraglich vereinbarten Personalstärken noch die geforderten Qualifikationen des Personals einhielt.
Gegenposition: European Homecare verwies nach dem Burbach-Skandal auf "einzelne schwarze Schafe" unter den beauftragten Sicherheitsfirmen und betonte, interne Kontrollmechanismen verstärkt zu haben. Die Bruttomargen seien branchenüblich und enthielten Verwaltungs-, Versicherungs- und Risikokosten, die nicht mit Gewinn gleichzusetzen seien.
Verflechtungen
Das Geschäftsmodell von Serco/EHC basiert auf einem strukturellen Interessenkonflikt:
- Kommunale Abhängigkeit: Viele Kommunen verfügen nicht über eigene Kapazitäten zur Flüchtlingsunterbringung und sind auf private Betreiber angewiesen. Dies verschafft Serco/EHC eine Verhandlungsposition, die Marktmechanismen ausser Kraft setzt.
- Fehlende Kontrolle: Die beauftragenden Kommunen verfügen selten über Personal oder Kompetenzen, die Qualität der Betreuung systematisch zu kontrollieren. Vertragliche Vorgaben werden oft nicht überprüft.
- Konzerngewinne ins Ausland: Die Gewinne des deutschen Asylgeschäfts fliessen über die Konzernstruktur an die britische Muttergesellschaft und deren Aktionäre — ein Steuermittelabfluss, der politisch kaum thematisiert wird.
Kontroversen
Privatisierungskritik: Die Frage, ob die Unterbringung von Geflüchteten — eine hoheitliche Aufgabe — an börsennotierte Konzerne mit Renditeerwartungen ausgelagert werden sollte, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Kritiker aus dem gesamten politischen Spektrum — von links (DIE LINKE: "Profite mit Flucht") bis rechts (AfD: "Asylindustrie") — lehnen das Modell ab, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Serco international: Der Serco-Konzern betreibt auch in Grossbritannien und Australien umstrittene Migrations- und Internierungseinrichtungen. In Australien geriet Serco wegen Zuständen auf der Weihnachtsinsel (Christmas Island) in die Kritik. In Grossbritannien betreibt der Konzern Abschiebegefängnisse (Immigration Removal Centres).
Gegenposition: Serco argumentiert, dass private Betreiber effizienter und flexibler auf schwankende Flüchtlingszahlen reagieren könnten als kommunale Verwaltungen. Die Privatwirtschaft bringe professionelles Management und skalierbare Strukturen ein, die im öffentlichen Dienst fehlen würden.