CORRECTIV gGmbH
Überblick
CORRECTIV ist ein als gemeinnützig anerkanntes Recherchezentrum mit Sitz in Essen und Berlin, gegründet 2014. Die Organisation bezeichnet sich als „erstes spendenfinanziertes Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum" und arbeitet in den Bereichen investigativer Journalismus, Faktenchecks und Bildungsprogramme.
Die Finanzierung ruht auf drei Säulen: Stiftungsgelder (insbesondere Brost-Stiftung und Luminate/Omidyar Network), kommerzielle Einnahmen aus dem Factchecking-Vertrag mit Meta/Facebook sowie staatliche Zuwendungen über Programme wie „Demokratie leben!" und das BMBF. Seit 2017 ist CORRECTIV offizieller Third-Party Fact-Checking Partner von Meta für den deutschsprachigen Raum. Die kumulative Bundesförderung beläuft sich auf ca. 2,5 Mio. Euro Steuergelder.
Gründung & Leitung
David Schraven, zuvor Leiter des Rechercheressorts der Funke Mediengruppe (WAZ), gründete CORRECTIV 2014 mit Anschubfinanzierung der Brost-Stiftung. Die GmbH wurde am 09.12.2013 beim Handelsregister eingetragen. 2017 übertrug Schraven seine Mehrheitsanteile an das CORRECTIV-Kuratorium, um die redaktionelle Unabhängigkeit organisatorisch abzusichern.
Jeannette Gusko, bis November 2024 Co-Geschäftsführerin von CORRECTIV, wechselte direkt ins Wahlkampfteam von Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) als Bundestagswahlkampf-Koordinatorin. Dieser nahtlose Wechsel von einer sich als unabhängig bezeichnenden Recherche-Organisation in eine Parteifunktion illustriert das sogenannte Drehtür-Phänomen zwischen NGO-Sektor und Parteipolitik.
Die Chefredaktion liegt seit Januar 2025 bei Justus von Daniels und Anette Dowideit. Das Kuratorium wird von Lukas Beckmann (Vorsitzender) geleitet, weitere Mitglieder sind u.a. Dagmar Hovstadt.
Finanzierung
Stiftungsgelder (Hauptfinanzierungsquelle):
- Brost-Stiftung: ca. 6,8 Mio. € (2014–2018) — Anschubfinanzierung und größter Einzelförderer in der Gründungsphase
- Luminate (Omidyar Network): ca. 2,1 Mio. € — internationaler Tech-Philanthrop Pierre Omidyar (eBay-Gründer)
- Schöpflin Stiftung: ca. 1,5 Mio. €
- Open Society Foundations (Soros): ca. 420.000 €
- Meta/Facebook: Vergütung über Factchecking-Vertrag, exakte Summe vertraglich geheim (Vertraulichkeitsklausel)
Staatliche Förderung (dokumentiert):
- Bundeszentrale für politische Bildung (BpB): 373.000 €
- Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM): 199.000 €
- NRW-Staatskanzlei: 1,1 Mio. € (Landesebene)
- DSEE (Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt): 240.000 €
- BMFSFJ: 141.000 € (Stand 2025)
Privatspenden: 2023 beliefen sich die Spendeneinnahmen auf ca. 1,9 Mio. Euro — ein deutlicher Anstieg nach der Potsdam-Recherche vom Januar 2024, wobei der genaue Einfluss der Potsdam-Veröffentlichung auf das Spendenaufkommen nicht isoliert beziffert werden kann.
CORRECTIV ist Mitglied der Initiative Transparente Zivilgesellschaft und veröffentlicht jährliche Transparenzberichte. Allerdings fehlen detaillierte Aufschlüsselungen zu den Meta-Einnahmen aufgrund der vertraglichen Geheimhaltungsklausel.
Factchecking für Meta
Seit 2017 ist CORRECTIV offizieller Third-Party Fact-Checking Partner von Meta (Facebook/Instagram) für den deutschsprachigen Raum. Die Factchecks werden über eine kommerzielle Tochtergesellschaft (CORRECTIV – Verlag und Vertrieb für die Gesellschaft UG) abgewickelt — eine Trennung zwischen gemeinnütziger Recherche und kommerzieller Dienstleistung.
Die Vergütung durch Meta unterliegt einer vertraglichen Vertraulichkeitsklausel und ist daher nicht öffentlich einsehbar. Das OLG Karlsruhe stufte CORRECTIV in einem Urteil als „Wettbewerber" im Sinne des Wettbewerbsrechts ein — eine juristische Einordnung, die der Selbstdarstellung als unabhängiges Gemeinwohl-Recherchezentrum teilweise entgegensteht.
Im Januar 2025 kündigte Meta an, das Third-Party Fact-Checking Programm global zu beenden und durch ein „Community Notes"-Modell (nach dem Vorbild von X/Twitter) zu ersetzen. Für die EU läuft das Programm allerdings unter den Verpflichtungen des Digital Services Act (DSA) vorerst weiter. Ob und wann CORRECTIV den EU-Factchecking-Vertrag mit Meta verliert, ist Stand März 2026 unklar.
Potsdam-Recherche
Am 10. Januar 2024 veröffentlichte CORRECTIV die Recherche „Geheimplan gegen Deutschland" über ein privates Treffen in Potsdam im November 2023, an dem u.a. AfD-Politiker, Mitglieder der Werteunion und der österreichische Identitäre Martin Sellner teilnahmen. Reporter Jean Peters hatte sich Zugang zu dem Treffen verschafft.
Die Veröffentlichung löste bundesweite Proteste aus — mehr als eine Million Menschen gingen in den folgenden Wochen gegen Rechtsextremismus auf die Straße. Die Recherche wurde zum meistdiskutierten Medienereignis des Jahres 2024.
Juristische Nachspiele:
- Das Wort „Deportation" fiel bei dem Treffen nachweislich nicht. Reporter Jean Peters räumte dies ein: „Nein. Aber natürlich war es so gemeint." Diese Diskrepanz zwischen tatsächlichem Wortlaut und journalistischer Interpretation wurde zum zentralen Streitpunkt.
- LG Berlin II (März 2026): Verbot drei konkrete Aussagen aus dem CORRECTIV-Bericht auf Klage der AfD-Bundestagsabgeordneten Gerrit Huy.
- LG Hamburg: Wies andere Klagen gegen CORRECTIV ab.
- ZDF, NDR und SWR mussten eigene redaktionelle Verschärfungen und Zuspitzungen der CORRECTIV-Recherche zurücknehmen bzw. korrigieren.
Die Potsdam-Recherche steht exemplarisch für die Debatte um die Grenzen zwischen investigativem Journalismus und politischem Aktivismus — insbesondere, wenn eine gemeinnützige und teilweise staatlich geförderte Organisation eine Berichterstattung veröffentlicht, die unmittelbar zu politischen Massenmobilisierungen führt.
Firmengeflecht
Gründer David Schraven führt laut Handelsregister mindestens 11 Unternehmen, davon 7 mit aktiver Geschäftsführung. Die Konstruktion folgt einem Muster: steuerfreie gGmbH erwirtschaftet Überschüsse, gewerbliche Tochter-UG macht Verluste und wird durch Darlehen der gGmbH am Leben gehalten.
Zentrale Befunde:
- gGmbH: Gewinne 2020–2022: 875.000 €, darauf bezahlte Steuern: 729 € (statt ca. 270.000 € bei regulärer Besteuerung)
- Tochter-UG (Stammkapital 1.000 €): Bilanziell überschuldet — Fehlbetrag 2022: 254.798 €, nicht durch Eigenkapital gedeckt. Jahresabschluss: „Die Zahlungsfähigkeit ist durch den Willen der Gesellschafterin gesichert."
- Meta-Honorare: Die Factchecking-Vergütung lief über die gewerbliche UG, nicht die gGmbH. Beträge geheim („Geschäftsgeheimnisse"). Internationale Vergleichswerte (Full Fact UK: 1.790 USD/Check) legen sechsstellige Jahreseinnahmen nahe.
- b. institut für digitale Bildung UG (Bottrop, Schravens Privatadresse): Stammkapital 1.000 €, Eigenkapital null, aber 404.000 € Umlaufvermögen unklarer Herkunft
- Marktviertel Café UG (Bottrop): Gastronomiebetrieb mit Satzungszweck „Immobiliengeschäfte". Mitgesellschafterin: Sonja Schraven.
- Özgürüz Press gUG (Essen): Gemeinnützig, verlegt Bücher von Exilautoren
- Forum Gemeinnütziger Journalismus e.V. (Berlin): Schraven im Vorstand
Kontrolldefizit: Aufsichtsrat (3 Personen: Beckmann, Hovstadt, Murphy) und Kuratorium (dieselben 3 plus Schraven selbst) sind personenidentisch. Der Gründer kontrolliert sich selbst. Eine unabhängige Kontrolle existiert nicht.
Vergütung: Schraven 2023: 120.000 €. Ex-Co-GF Gusko 2023: 97.155 €.
ClaimReview-Ausstieg (April 2026)
Am 2. April 2026 gab CORRECTIV den Ausstieg aus ClaimReview bekannt — dem Google-Datenformat, das Faktenchecks in Suchergebnissen sichtbar machte (250.000+ Faktenchecks weltweit, 4 Milliarden Impressions/Jahr über Google).
Kontext: Google hatte ClaimReview bereits im Juni 2025 einseitig abgeschaltet. Meta hatte das Faktencheck-Programm im Januar 2025 beendet. CORRECTIVs „Ausstieg" erfolgte aus einem System, das bereits nicht mehr funktionierte.
Ersatz: Als Alternative baut CORRECTIV das CORRECTIV.Faktenforum auf — eine Community-Plattform mit 2.500 registrierten Nutzern (vs. 4 Milliarden ClaimReview-Impressions).
IFCN-Zirkelschluss: CORRECTIVs Zertifizierung stammt vom International Fact-Checking Network (IFCN), das von denselben Geldgebern finanziert wird: Omidyar Network, Open Society Foundations, Charles Koch Foundation. Die Geldgeber finanzieren die Faktenchecker und die Organisation, die die Faktenchecker zertifiziert.
Verflechtungen
CORRECTIV ist trotz seiner Reichweite und politischen Wirkung nicht im Lobbyregister des Deutschen Bundestags eingetragen. Dokumentierte Verflechtungen:
Kuratorium: Lukas Beckmann (Vorsitzender, Grünen-Mitgründer), Dagmar Hovstadt u.a. Die Zusammensetzung des Kuratoriums zeigt Überschneidungen mit dem grünen Parteimilieu — Beckmann war Mitgründer der Grünen und Bundesgeschäftsführer der Partei.
Drehtür-Phänomen: Der direkte Wechsel von Co-Geschäftsführerin Jeannette Gusko (Nov. 2024) ins Grünen-Wahlkampfteam Robert Habeck verdeutlicht die personellen Verbindungen zwischen dem vermeintlich unabhängigen Recherchezentrum und der Parteipolitik.