Sea-Watch e.V.
Überblick
Sea-Watch e.V. ist ein 2015 gegründeter gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin, der zivile Seenotrettung im zentralen Mittelmeer betreibt. Die Organisation verfügt über zwei Rettungsschiffe (Sea-Watch 5 und Aurora) sowie drei Aufklärungsflugzeuge (Seabird 1–3) und gibt an, seit ihrer Gründung über 45.000 Menschen aus Seenot gerettet zu haben (Sea-Watch Finanzen).
Laut Lobbyregister beliefen sich die Einnahmen 2024 auf rund 17,1 Millionen Euro — zusammengesetzt aus ~12,2 Mio. € Spenden und ~4,87 Mio. € Mitgliedsbeiträgen. Direkte staatliche Zuschüsse weist der Verein nicht aus. Tatsächlich erhielt Sea-Watch aber über den kirchennahen Verein United4Rescue mindestens 2,65 Mio. € an öffentlich ko-finanzierten Mitteln — ein Konstrukt, das die staatliche Förderung verschleiert.
Gründung & Leitung
Der Verein wurde 2015 von Harald Höppner gegründet, einem Unternehmer aus Tempelfelde (Brandenburg). Höppner und ein Geschäftspartner kauften 2014 auf eigene Kosten ein erstes Schiff und starteten damit private Rettungseinsätze im Mittelmeer (Sea-Watch, Höppner-Interview). Sea-Watch e.V. ist im Vereinsregister beim AG Berlin Charlottenburg unter VR 34179 B eingetragen.
Der aktuelle Vorstand besteht aus Joshua Krüger (Vorsitzender), Eva Spiekermann und Titus Molkenbur. Der Verein hat laut Lobbyregister lediglich 75 stimmberechtigte Mitglieder (Stand Juni 2025), daneben aber Tausende zahlende Fördermitglieder, die den Großteil der €4,87 Mio. Mitgliedsbeiträge generieren.
Neben dem Hauptverein existiert der 2018 gegründete Sea-Watch Rechtshilfefonds e.V., der Rechtskosten im Zusammenhang mit der Kriminalisierung von Seenotrettern trägt (SWLA).
Finanzierung
Einnahmen 2024 (Lobbyregister-Angaben):
- Spenden/Zuwendungen: €12.200.001–12.210.000
- Mitgliedsbeiträge: €4.870.001–4.880.000
- Gesamt: ca. €17,08 Mio.
- Größter Einzelspender: Postcode Lotterie DT gGmbH (€1,49–1,50 Mio.)
- Direkte öffentl. Zuschüsse: Keine über €10.000
Mittelverwendung 2024:
- 78,36% Projektausgaben (Schiffsbetrieb, Luftaufklärung, Advocacy)
- 9,93% Verwaltung
- 11,71% Spendenwerbung und -verwaltung
Indirekte Staatsfinanzierung über United4Rescue:
Im November 2022 bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestags erstmals 2 Mio. € pro Jahr (2023–2026) aus dem Etat des Auswärtigen Amts für den kirchennahen Verein United4Rescue. Dieser verteilte die Mittel an deutsche Rettungs-NGOs, darunter Sea-Watch.
Über United4Rescue erhielt Sea-Watch nachweislich mindestens 2,65 Mio. € (United4Rescue Förderübersicht):
- 2020: €1.250.000 — Kauf und Umbau Sea-Watch 4
- 2022: €200.000 — Kauf Sea-Watch 5
- 2023: €200.000 — Ersteinsatz Sea-Watch 5
- 2024: €200.000 — Betriebskosten Sea-Watch 5
- 2025: €200.000 — Betriebskosten Sea-Watch 5
Im Lobbyregister deklariert Sea-Watch „keine öffentlichen Zuschüsse über €10.000" — da die Gelder formal über United4Rescue fließen und nicht direkt vom Staat kommen. Diese Konstruktion führt dazu, dass die indirekte staatliche Ko-Finanzierung in der Transparenzdarstellung des Vereins nicht sichtbar ist.
Ende der Staatsfinanzierung (2025):
Im Frühjahr 2025 stellte die Bundesregierung die Förderung ziviler Seenotrettungsorganisationen über das Auswärtige Amt ein. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) begründete dies damit, dass Rettungsorganisationen „faktisch, wenn natürlich auch ungewollt, den menschenverachtenden Schleuserbanden deren Geschäft" ermöglichten (ZDF, Juni 2025).
Flotte & Einsätze
Aktuelle Flotte:
- Sea-Watch 5 (58,3 m) — ehemaliges Offshore-Schiff, seit Dezember 2023 im Einsatz, Kapazität bis 500 Personen
- Aurora (14 m) — ehemalige RNLI-Rettungsboot (Trent-Klasse), seit 2022 unter deutscher Flagge
- Seabird 1, 2, 3 — drei Aufklärungsflugzeuge, stationiert in Italien
Frühere Schiffe:
- Sea-Watch 1–3: Erste Rettungsschiffe (2015–2020)
- Sea-Watch 4: 2020 mit United4Rescue-Mitteln (€1,25 Mio.) erworben, ab August 2022 als „Humanity 1" an SOS Humanity übergeben
Einsatzbilanz (Auswahl):
- Seit 2015: Über 45.000 Menschen aus Seenot gerettet (Eigenangabe)
- 2024: 14 Rettungseinsätze, über 1.200 Gerettete, 151 Lufteinsätze
- Juli–Dez 2025: 1.117 Gerettete, 61 Flugeinsätze, 526 Flugstunden, ca. 5.008 Personen in Seenot gesichtet (Factsheet H2/2025)
Fall Carola Rackete
Carola Rackete wurde international bekannt als Kapitänin der Sea-Watch 3. Im Juni 2019 rettete sie mit ihrem Schiff 53 Menschen aus dem Mittelmeer und fuhr nach wochenlanger Blockade ohne Erlaubnis in den Hafen von Lampedusa ein, wobei sie ein Schnellboot der italienischen Guardia di Finanza berührte. Sie wurde unmittelbar nach dem Anlegen verhaftet.
Die Anklage lautete auf Beihilfe zur illegalen Einreise, Ungehorsam und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die Sea-Watch 3 wurde fünf Monate lang beschlagnahmt. Das Zivilgericht Palermo verurteilte den italienischen Staat zur Zahlung von 76.000 € Schadensersatz für die rechtswidrige Beschlagnahme (LTO). Das Strafverfahren gegen Rackete wurde eingestellt.
EU-Parlament und Rücktritt:
Rackete kandidierte 2024 als parteilose Spitzenkandidatin auf der Liste von Die Linke für das Europaparlament und wurde am 9. Juni 2024 gewählt (EU-Parlament Profil). Am 9. Juli 2025 — nach nur einem Jahr — legte sie ihr Mandat nieder. Als Begründung nannte sie, ihr Ziel der „Erneuerung der Partei" sei bereits erreicht (taz, Juli 2025). Nachfolger wurde Martin Günther (Brandenburg).
Gerichtsurteil „Schlepperin":
Im Dezember 2024 entschied das Landgericht Berlin, dass die Bezeichnung „Sea-Watch-Schlepperin" für Rackete durch die AfD-Delegation im Europaparlament zulässig ist. Rackete hatte auf Unterlassung wegen übler Nachrede geklagt (Streitwert: €15.000). Das Gericht wertete die Aussage als von der Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) gedeckte politische Kritik. Im Mai 2025 scheiterte Rackete auch in der Berufung (Kettner, Dez 2024).
Verflechtungen
Sea-Watch ist eingebettet in ein breites Netzwerk aus kirchlichen, zivilgesellschaftlichen und internationalen Organisationen:
United4Rescue wurde 2019 auf Initiative der EKD beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund gegründet. Die Allianz zählt über 900 Bündnispartner — darunter Kirchengemeinden, Gewerkschaften, Kommunen und Unternehmen — und sammelt Spenden für Rettungsschiffe. United4Rescue finanzierte den Kauf der Sea-Watch 4 (€1,25 Mio.) und unterstützt den Betrieb der Sea-Watch 5 mit jährlich €200.000 (United4Rescue). Ab 2023 erhielt United4Rescue selbst 2 Mio. €/Jahr aus dem Bundeshaushalt (AA) — ein Konstrukt, bei dem staatliche Mittel über einen Zwischenverein an operative NGOs fließen.
Anfang 2026 bildeten 13 Seenotrettungs-NGOs die „Justice Fleet"-Allianz und suspendierten die Kommunikation mit der libyschen Seenotrettungsleitstelle (MRCC), nachdem über 60 gewaltsame Vorfälle auf See dokumentiert worden waren (Sea-Watch Factsheet H2/2025).
Kontroversen
Schlepper-Vorwürfe und italienische Ermittlungen
Italienische Medien und Ermittler erhoben den Vorwurf, Sea-Watch habe in den Jahren 2016–2017 mit der libyschen Zawiya-Miliz unter Abdurahman al-Milad (al-Bija) kooperiert. Gerichtsfeste Beweise wurden nicht erbracht; die Ermittlungen sprachen von einem „Anfangsverdacht", wonach Schleuser und Retter zumindest über Dritte kommuniziert hätten (Achgut). Das Verfahren gegen die Besatzung des Rettungsschiffs Iuventa (Jugend Rettet e.V.) in Trapani wurde 2024 eingestellt.
Sea-Watch weist die Vorwürfe zurück und betont, dass die Rettungseinsätze stets in Abstimmung mit der zuständigen Seenotrettungsleitstelle durchgeführt worden seien (Sea-Watch Stellungnahme).
Pull-Faktor-Debatte
Kritiker — darunter Bundesaußenminister Wadephul — argumentieren, zivile Seenotrettung schaffe einen Anreiz für Schleuser, noch mehr Menschen in seeuntüchtige Boote zu setzen, da die Rettung quasi garantiert sei. Befürworter verweisen auf das Seerechtsübereinkommen (UNCLOS) und die Pflicht zur Rettung in Seenot befindlicher Personen, unabhängig von deren Herkunft oder Reiseziel.
Festsetzungen und Behinderung durch Italien
Mehrere Sea-Watch-Schiffe wurden von italienischen Behörden wiederholt festgesetzt. Seit 2025 wurden auch die Aufklärungsflugzeuge durch italienische Behörden am Boden gehalten, wodurch die zivile Seebeobachtung über dem zentralen Mittelmeer zeitweise zum Erliegen kam (Factsheet H2/2025).