Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO)
Überblick
Das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO) ist der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Mit 437 Trägern, über 1.900 Einrichtungen und 53.000 Beschäftigten ist das DWBO einer der größten Sozialdienstleister in der Region und deckt ein Gebiet ab, das ganz Berlin, weite Teile Brandenburgs und einen Teil der sächsischen Oberlausitz umfasst.
Im Bereich Migration und Flucht erbringt das DWBO über seine Mitgliedseinrichtungen ein breites Spektrum an Leistungen: Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE), Asylverfahrensberatung, Migrationssozialarbeit und EU-geförderte Projekte wie VASiB (Verfahrensberatung und Asylsozialberatung in Brandenburg). Aktuell drohen erhebliche Kürzungen: Die Migrationssozialarbeit soll von 14,5 auf 9 Millionen Euro gekürzt werden — ein Einschnitt von 38%, der nach Angaben der Diakonie 75 Vollzeitstellen kosten würde.
Organisationsstruktur
Das DWBO funktioniert als Dachverband für 437 eigenständige diakonische Träger — Kirchengemeinden, gemeinnützige Gesellschaften, Stiftungen und Vereine, die unter dem Dach der Diakonie soziale Dienstleistungen erbringen:
- 437 Träger — eigenständige juristische Personen, die Mitglieder des DWBO sind
- 1.900+ Einrichtungen — Kitas, Pflegeheime, Krankenhäuser, Beratungsstellen, Werkstätten, Wohnheime
- 53.000 Beschäftigte — damit größer als viele DAX-Konzerne
- Kirchliche Anbindung — Werk der EKBO, theologisch-organisatorische Verflechtung mit der Evangelischen Kirche
Als Dachverband übernimmt das DWBO die politische Interessenvertretung, koordiniert Fördermittel, setzt Qualitätsstandards und organisiert die fachliche Vernetzung. Die operative Arbeit — also die Beratung, Betreuung und Unterbringung — leisten die einzelnen Mitgliedsträger.
Migrationsarbeit
Das DWBO und seine Mitgliedseinrichtungen sind auf mehreren Ebenen in der Migrationsarbeit aktiv:
VASiB-Projekt (AMIF / UNHCR)
Das Projekt „Verfahrensberatung und Asylsozialberatung in Brandenburg" (VASiB) wurde mit Mitteln des EU-Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) und in Kooperation mit dem UNHCR durchgeführt. VASiB stellte unabhängige Verfahrensberatung in Brandenburger Erstaufnahmeeinrichtungen bereit — parallel zur DRK-eigenen Beratung. Das Projekt positionierte die Diakonie als Alternative zum DRK-Monopol in der Erstaufnahme-Beratung.
Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE)
Die Diakonie ist einer der sechs bundesweit vom BAMF anerkannten MBE-Träger. Über diakonische Mitgliedseinrichtungen werden MBE-Beratungsstellen in Berlin und Brandenburg betrieben — finanziert vom BMI über das BAMF.
Migrationssozialarbeit
In Berlin finanziert der Senat die Migrationssozialarbeit mit bislang 14,5 Millionen Euro jährlich. Die Diakonie ist einer der Hauptträger dieser Beratungsleistungen, die Migranten bei Behördengängen, Wohnungssuche, Sprachkursen und sozialer Orientierung unterstützen.
Drohende Kürzungen — 38% weniger Migrationssozialarbeit
Die geplante Kürzung der Berliner Migrationssozialarbeit ist das aktuell brisanteste Thema im DWBO-Bereich:
- Bisheriges Budget: 14,5 Mio. € jährlich (Senat Berlin)
- Geplantes Budget: 9 Mio. € (= Kürzung um 5,5 Mio. €, entspricht 38%)
- Folge laut Diakonie: Wegfall von 75 Vollzeitstellen in der Migrationsberatung
- Betroffene Träger: Diakonie, AWO, Caritas, Paritätischer und weitere
Die Diakonie warnt, die Kürzungen würden „die Integrationsarbeit in Berlin um Jahre zurückwerfen" und dazu führen, dass Tausende Migranten ohne Beratung blieben. Insbesondere in den Außenbezirken drohe die Schließung ganzer Beratungsstellen.
Gegenperspektive: Der Berliner Senat begründet die Kürzungen mit der angespannten Haushaltslage und der Notwendigkeit, in allen Bereichen zu sparen. Kritiker der Migrationsberatung argumentieren zudem, dass eine Kürzung um 38% auf 9 Millionen Euro immer noch ein erhebliches Budget darstellt — zum Vergleich: Vor der Migrationskrise 2015 lag das Budget für Migrationssozialarbeit in Berlin bei einem Bruchteil des heutigen Niveaus.
Demokratieprojekte — „Demokratie gewinnt!"
Über das Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe" fördert das Bundesinnenministerium (BMI) Projekte zur Stärkung demokratischer Strukturen in ländlichen Räumen Ostdeutschlands. Das DWBO-Projekt „Demokratie gewinnt!" ist Teil dieses Programms.
„Demokratie gewinnt!" zielt darauf ab, demokratische Strukturen innerhalb diakonischer Einrichtungen zu stärken — Beteiligungsformate, Konfliktbearbeitung und „diversitätsorientierte Organisationsentwicklung". Das Projekt richtet sich primär an die eigenen Mitarbeiter und Führungskräfte der 437 diakonischen Träger.
Kritiker monieren, dass hier öffentliche Mittel dazu verwendet werden, die politische Haltung von Mitarbeitern eines kirchlichen Wohlfahrtsverbands zu beeinflussen — im Grunde eine staatlich finanzierte Gesinnungsschulung unter dem Etikett „Demokratieförderung".
Gegenposition Diakonie: Das Projekt fördere innerorganisatorische Mitbestimmung und Konfliktfähigkeit und sei keine politische Schulung. „Zusammenhalt durch Teilhabe" sei ein vom BMI aufgelegtes Programm, das explizit Vereine, Verbände und Organisationen adressiere — die Diakonie setze lediglich den Programmauftrag um.
Finanzierung
Das DWBO als Dachverband und seine 437 Mitgliedsträger finanzieren sich aus einer Mischung öffentlicher und kirchlicher Mittel:
- Öffentliche Leistungsentgelte: Pflegesätze, Kita-Zuschüsse, Krankenhausvergütungen — der größte Einnahmeposten
- Landesmittel Berlin & Brandenburg: Migrationssozialarbeit (14,5 → 9 Mio.), diverse Sozialprogramme
- Bundesmittel: MBE (BAMF/BMI), „Zusammenhalt durch Teilhabe" (BMI), Demokratie leben! (BMFSFJ)
- EU-Fonds: AMIF (VASiB-Projekt), ESF (Arbeitsmarktintegration)
- UNHCR: Kofinanzierung von Verfahrensberatungsprojekten
- Kirchensteuermittel: Zuweisungen der EKBO an das Diakonische Werk
- Spenden & Kollekten: Brot für die Welt, Diakonie Katastrophenhilfe
Eine konsolidierte Gesamtbilanz aller 437 Träger wird vom DWBO nicht veröffentlicht. Die Gesamtwirtschaftsleistung des DWBO-Verbunds dürfte bei über 3 Milliarden Euro jährlich liegen — eine Schätzung auf Basis der Beschäftigtenzahl und branchenüblicher Umsatzkennzahlen.
Verflechtungen
Das DWBO ist Mitglied sowohl in der Berliner als auch in der Brandenburger Liga der Freien Wohlfahrtspflege — eine Doppelmitgliedschaft, die den länderübergreifenden Charakter des Verbands widerspiegelt. Im Aktionsbündnis Brandenburg sitzt die Diakonie gemeinsam mit AWO, DRK und zahlreichen NGOs.
Über das VASiB-Projekt besteht eine direkte Verbindung zum UNHCR — dem UN-Flüchtlingshilfswerk, das seinerseits die europäische Migrationspolitik durch Gutachten, Stellungnahmen und Kooperationsvereinbarungen beeinflusst. Die Diakonie Deutschland wiederum ist über die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege an der politischen Willensbildung auf Bundesebene beteiligt.
Kontroversen & Gegenpositionen
Kirchlicher Wohlfahrtsverband als politischer Akteur
Die Diakonie DWBO beschränkt sich nicht auf soziale Dienstleistungen, sondern positioniert sich aktiv zu migrationspolitischen Themen: gegen Abschiebungen, für erweiterte Bleiberechte, gegen die Einstufung sicherer Herkunftsstaaten. Als Mitglied des Aktionsbündnisses Brandenburg beteiligt sich die Diakonie an Kampagnen gegen „Rechtsextremismus" — ein Begriff, den Kritiker als politisch dehnbar betrachten.
Subventionsabhängigkeit und Eigeninteresse
Mit 53.000 Beschäftigten und einer geschätzten Wirtschaftsleistung von über 3 Milliarden Euro ist das DWBO ein Wirtschaftsfaktor, der erheblich von öffentlichen Transferleistungen abhängt. Die Migrationsarbeit ist dabei ein wachsender Geschäftsbereich. Die Warnung vor dem Verlust von 75 Vollzeitstellen bei einer 38%-Kürzung der Migrationssozialarbeit illustriert, wie stark die personelle und wirtschaftliche Struktur an die Fortführung dieser Programme gebunden ist.
Gegenposition Diakonie: Die Diakonie verweist auf den diakonischen Auftrag der Evangelischen Kirche, der Nächstenliebe und Hilfe für Bedürftige als Kernauftrag definiert. Migrationssozialarbeit sei keine Erwerbsquelle, sondern Ausdruck christlicher Verantwortung. Die Kürzungen würden nicht die Diakonie als Organisation treffen, sondern die Menschen, die auf Beratung und Unterstützung angewiesen sind.