PRO ASYL e.V.
Überblick
PRO ASYL ist eine 1986 gegründete Organisation mit Sitz in Frankfurt am Main, die sich als Interessenvertretung für Flüchtlinge in Deutschland und Europa positioniert. Die Organisation betreibt Einzelfallhilfe, einen Rechtshilfefonds zur Finanzierung von Asylklagen, politische Kampagnen und Lobbyarbeit auf Bundes- und EU-Ebene.
Laut Lobbyregister beliefen sich die Einnahmen 2024 auf rund 5,05 Millionen Euro — zusammengesetzt aus ~3 Mio. € Spenden und ~2,05 Mio. € Mitgliedsbeiträgen von 24.500 Fördermitgliedern. Direkte staatliche Zuschüsse weist der Verein nicht aus. Die Organisation koordiniert ein bundesweites Netzwerk aus 16 Landesflüchtlingsräten, die ihrerseits erhebliche öffentliche Mittel aus Bundesprogrammen wie „Demokratie leben!", dem EU-Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) erhalten.
Gründung & Leitung
PRO ASYL wurde am 8. September 1986 in Frankfurt am Main von 15 Mitarbeitern aus Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Menschenrechtsorganisationen gegründet. Initiator war Dr. Jürgen Micksch (Evangelische Kirche in Deutschland), als Sprecher fungierte der katholische Pfarrer Herbert Leuninger (35 Jahre PRO ASYL).
Günter Burkhardt, Mitgründer und studierter evangelischer Theologe, leitete die Organisation als Geschäftsführer von 1986 bis 2023 — über 37 Jahre. Er sitzt bis heute im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft. 2024 wechselte er zur Evangelischen Akademie zu Berlin.
Aktuelle Geschäftsführung: Karl Kopp und Helen Rezene. Vorsitzende des Fördervereins ist Dr. Beate Wagner (ehem. Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen).
Flüchtlingspolitischer Sprecher ist seit 2023 Tareq Alaows, ein syrischer Flüchtling, der 2021 als Bundestagskandidat der Grünen in NRW antrat, seine Kandidatur wegen Drohungen zurückzog und im Dezember 2023 die Grünen wegen deren Zustimmung zum EU-Asylsystem GEAS verließ (taz, Dez 2023).
Doppelstruktur: Förderverein + Bundesarbeitsgemeinschaft
PRO ASYL besteht aus zwei juristisch getrennten Vereinen mit identischer Adresse und teilweise identischer Führung:
- Förderverein PRO ASYL e.V. (R001885) — operativer Arm mit 24.500 Fördermitgliedern, ~5 Mio. € Budget, 41 Beschäftigte, Lobbying-Ausgaben €120–130K/Jahr
- Bundesarbeitsgemeinschaft PRO ASYL e.V. (R002696) — Dachverband mit 83 Mitgliedern (66 Personen, 17 Organisationen inkl. 16 Landesflüchtlingsräte), €30–40K Budget (vom Förderverein finanziert), 0 Beschäftigte, 8 Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben
Beide Vereine sind im Lobbyregister separat registriert und teilen sich Geschäftsführer (Karl Kopp, Helen Rezene) und Schatzmeister (Tim Kliebe). Die BAG formuliert politische Positionen und gibt Stellungnahmen ab; der Förderverein finanziert die operative Arbeit und den Rechtshilfefonds. Dieses Konstrukt trennt die Spendensammlung formal von der politischen Lobbytätigkeit.
Finanzierung
Einnahmen Förderverein 2024 (Lobbyregister):
- Spenden/Zuwendungen: €2.990.001–3.000.000
- Mitgliedsbeiträge: €2.050.001–2.060.000
- Gesamt: ca. €5,05 Mio.
- Öffentl. Zuschüsse: Keine über €10.000
- Lobbying-Ausgaben: €120.001–130.000
Budgetentwicklung:
- 2018: €4,64 Mio. Gesamteinnahmen (DZI)
- 2022: >€5,8 Mio. (Wikipedia)
- 2024: ~€5,05 Mio. (Lobbyregister)
Personal: 41 Beschäftigte auf 33,75 Vollzeitstellen (Stand September 2025). 6 Vollzeitäquivalente entfallen auf Interessenvertretung (PRO ASYL Transparenz).
Indirekte öffentliche Finanzierung über das Netzwerk:
PRO ASYL selbst erhält laut eigener Darstellung keine direkten Staatsmittel. Die 16 Landesflüchtlingsräte, die als Mitglieder der BAG das PRO-ASYL-Netzwerk bilden, erhielten jedoch erhebliche Bundesmittel: aus „Demokratie leben!", dem AMIF (Millionenbeträge für Projekte 2015–2022) und dem ESF, wie BT-Drs. 19/13432 dokumentiert. PRO ASYL unterstützt die Flüchtlingsräte zusätzlich mit jährlichen Zuschüssen aus dem eigenen Budget.
Rechtshilfefonds & Anwaltsvermittlung
Das Kernstück der PRO-ASYL-Arbeit ist der Rechtshilfefonds, über den Anwalts- und Verfahrenskosten für Flüchtlinge bezuschusst werden. Der Fonds finanziert sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.
Funktionsweise:
- Anträge werden über die Landesflüchtlingsräte gestellt — nicht direkt bei PRO ASYL
- Der Fonds subventioniert Anwaltskosten für Asylverfahren, aufenthaltsrechtliche Verfahren, Verwaltungsklagen und medizinische Gutachten
- Vorrang haben Verfahren mit „grundsätzlicher rechtlicher oder rechtspolitischer Bedeutung" — also Fälle, die Präzedenzwirkung entfalten können
- Jährlich werden 20–30 Verfahren „besonderer Bedeutung" gefördert (Flüchtlingsrat BW)
Systemische Wirkung:
Der Rechtshilfefonds finanziert gezielt Klagen mit Grundsatzbedeutung — etwa gegen Zurückweisungen an EU-Binnengrenzen (siehe Pushback-Klage 2025). Über die Anwaltsvermittlung via Flüchtlingsräte entsteht ein flächendeckendes System: PRO ASYL koordiniert, die Flüchtlingsräte vermitteln Anwälte vor Ort, der Rechtshilfefonds bezahlt. Die Verwaltungsgerichte verzeichneten 2025 rund 143.000 anhängige Asylklagen — eine Belastung, zu der dieses System beiträgt.
Verflechtungen
PRO ASYL ist Zentrum eines engmaschigen Netzwerks aus 16 Landesflüchtlingsräten, internationalen Dachverbänden und politischen Bündnissen:
Die 16 Landesflüchtlingsräte sind als Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft organisatorisch mit PRO ASYL verzahnt (PRO ASYL Netzwerk). Jeder Flüchtlingsrat fungiert als lokale Antragsstelle für den Rechtshilfefonds und als Vermittler zwischen Flüchtlingen und Anwälten. Die Flüchtlingsräte selbst erhalten öffentliche Fördermittel aus Bundes- und Landesprogrammen — allein über den EU-AMIF flossen laut BT-Drs. 19/13432 Millionenbeträge an einzelne Landesflüchtlingsräte.
Drehtür-Effekt: Günter Burkhardt (GF 1986–2023) wechselte 2024 zur Evangelischen Akademie Berlin. Tareq Alaows kam von den Grünen (2021 Bundestagskandidat) zu PRO ASYL als flüchtlingspolitischer Sprecher. Die Vorsitzende Dr. Beate Wagner war zuvor Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen.
Kontroversen
Pushback-Klage und politische Gegenkampagne (2025)
Im Juni 2025 gewannen drei somalische Flüchtlinge mit Unterstützung von PRO ASYL Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin gegen ihre Zurückweisung an der deutsch-polnischen Grenze. Das Gericht erklärte die Praxis für rechtswidrig (PRO ASYL Pressemitteilung). CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann warf PRO ASYL daraufhin vor, Migranten aktiv zum Grenzübertritt zu ermutigen — ein Vorwurf, den die Organisation scharf zurückwies (radioeins).
„Asylindustrie"-Vorwurf
Die AfD bezeichnete das PRO-ASYL-Netzwerk als Teil einer „Asylindustrie" und sprach von „Schlepperorganisation" (AfD Kompakt, Nov 2022). PRO ASYL weist diese Darstellung als „rechte Hetze" und „Diffamierungskampagne" zurück (taz).
Asylverfahrensberatung — Bundesförderung und Kürzungen
Seit 2023 fördert der Bund die „behördenunabhängige Asylverfahrensberatung" mit 20 Mio. €/Jahr über das BAMF. PRO ASYL forderte eine Aufstockung auf 61 Mio. €/Jahr und kritisierte die reale Ausstattung als „Mogelpackung" (PRO ASYL). 2025/26 kündigte die Bundesregierung Kürzungen an — PRO ASYL sprach von einer „systematischen Zerschlagung von Unterstützungsstrukturen" (Pressemitteilung März 2026).
Justizbelastung durch Asylklagen
2025 waren rund 143.000 Asylklagen an deutschen Verwaltungsgerichten anhängig. PRO ASYL fördert über seinen Rechtshilfefonds gezielt Klagen mit Grundsatzbedeutung und vermittelt über die Flüchtlingsräte Anwälte. Kritiker sehen darin einen Beitrag zur Überlastung der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Der Bund Deutscher Verwaltungsrichter warnte, eine „derartige Zahl an Verfahren" könne die Justiz „auf Dauer nicht aushalten".