Migrando GmbH
Überblick
Die Migrando GmbH ist eine Legal-Tech-Kanzlei mit Sitz in Cottbus, spezialisiert auf Einbürgerungsverfahren. Das Unternehmen ist hervorgegangen aus „Asylhelper" (2017), einem Facebook-Chatbot, der automatisiert bis zu 30 vollständige Mandate pro Tag akquirierte (Legal-Tech-Verzeichnis). Migrando berechnet Mandanten ca. 2.000–2.500 Euro für einen Einbürgerungsantrag, dessen amtliche Gebühr 255 Euro beträgt (Abgeordnetenwatch).
Das Kerngeschäftsmodell basiert auf sogenannten Untätigkeitsklagen (§75 VwGO): Bleibt ein Behördenbescheid nach drei Monaten aus, wird gegen die Behörde geklagt. In der Praxis gibt die Behörde daraufhin häufig nach — der Staat zahlt dann sowohl die Gerichts- als auch die Anwaltskosten, obwohl er dazu nicht verpflichtet ist. Der Anwalt wird so effektiv doppelt bezahlt: vom Mandanten und vom Staat (NZZ, Nov 2024).
Gründung & Leitung
Migrando wurde 2018 als UG (haftungsbeschränkt) mit einem Stammkapital von 300 Euro gegründet. Gründer waren Fabian T. Graske (Rechtsanwalt, heute mit über 407.000 TikTok-Followern) und Jakub L. Szypulka (Student der Arabistik, bis 2020 beteiligt). 2024 wurde die Rechtsform zur GmbH mit 25.000 Euro Stammkapital konvertiert (HRB 13857 CB, Northdata).
Geschäftsführer ist seit 2023 Sebastian Stein, der zugleich die Softwaremanufaktur Stein GmbH sowie die Staff Now Limited betreibt. Graske fungiert weiterhin als leitender Anwalt und öffentliches Gesicht der Kanzlei, insbesondere auf TikTok und in den Medien (Migrando: Über uns).
Geschäftsmodell
Der Ablauf eines typischen Migrando-Mandats:
- Mandatserteilung: Der Mandant zahlt 2.000–2.500 Euro an Migrando
- Antragstellung: Migrando stellt den Einbürgerungsantrag bei der zuständigen Behörde
- Fristablauf: Nach 3 Monaten ohne Behördenbescheid wird eine Untätigkeitsklage (§75 VwGO) eingereicht
- Behörde gibt nach: In der Regel wird der Antrag daraufhin bearbeitet
- Kostentragung: Der Staat zahlt Gerichts- und Anwaltskosten — der Anwalt wird effektiv doppelt bezahlt
Die NZZ bezeichnete dieses Modell als „leicht verdientes Geld für Anwälte" (NZZ, Nov 2024). Die Mandatsanbahnung erfolgt aggressiv über TikTok und andere soziale Medien. Die gesamte Beratung läuft online und telefonisch — bundesweit, ohne persönlichen Kontakt.
Vorgänger: Asylhelper
Vor Migrando betrieb Fabian Graske ab 2017 das Projekt „Asylhelper" — einen Facebook-Chatbot zur automatisierten Akquise von Asylmandaten. Laut Legal-Tech-Verzeichnis generierte das System „30 vollständige Mandate täglich ohne menschliches Zutun" (Legal-Tech-Verzeichnis).
Das System funktionierte wie folgt:
- Automatisierte Chatbot-Konversation auf Facebook zur Mandatserfassung
- Weiterleitung der Mandate an Partnerkanzleien
- SMS-Benachrichtigungen an Mandanten bei Statusänderungen
- Gerichtsangepasste Templates — „100+ Muster zu einer einzigen Vorlage konsolidiert"
Die erfolgreich getesteten Komponenten aus Asylhelper wurden anschliessend über migrando.de als eigenständiges Angebot weiterentwickelt und bilden die technische Grundlage des heutigen Geschäftsmodells.
Ähnliche Strukturen
Migrando ist kein Einzelfall, sondern Teil einer wachsenden Branche rund um Einbürgerungsverfahren und Asylrecht:
- PassExperten / rightmart (Bremen): Über 400 Mitarbeiter, mehr als 25.000 Einbürgerungsanfragen pro Monat — ebenfalls mit einem Büro in Cottbus (rightmart Impressum)
- Rechtsberaterkonferenz: Etwa 80 Anwälte, organisatorisch gebunden an die Wohlfahrtsverbände (Diakonie, Caritas, AWO, DRK, Parität)
- Refugee Law Clinics: 35 Standorte mit über 1.000 Jura-Studierenden, die kostenlose Rechtsberatung für Asylbewerber anbieten
- Flüchtlingsräte + Pro Asyl: Koordiniertes System der Verfahrensbegleitung mit eigenem Rechtshilfefonds
Systemische Dimension
Das Geschäftsmodell von Migrando und vergleichbaren Anbietern ist eingebettet in ein stark wachsendes System der Asyl- und Einbürgerungsklagen, das erhebliche öffentliche Ressourcen bindet:
- 143.221 VG-Asylklagen im Jahr 2025 — eine Verdoppelung seit 2023 (bpb)
- 88,4% aller Ablehnungen werden vor Gericht angeklagt (BAMF Gerichtsstatistik 2023)
- Ca. 1.300 VG-Richter (rund 50% aller Verwaltungsrichter) sind mit Asylverfahren gebunden
- Geschätzte Justizkosten: 500 Mio. bis 1 Mrd. Euro pro Jahr
- Berlin: 1.509 Untätigkeitsklagen allein zwischen Oktober 2023 und Oktober 2024
- Brandenburg: 20 Monate durchschnittliche Verfahrensdauer — der schlechteste Wert aller Bundesländer
- Bundesausgaben Migration 2024: ca. 28 Mrd. Euro (BT-Drs. 21/330)
Dass ein einzelnes Verwaltungsgericht wie das VG Cottbus — dem Sitz von Migrando und einem Büro von rightmart/PassExperten — überdurchschnittlich viele Untätigkeitsklagen verzeichnet, illustriert die regionale Konzentration dieses Geschäftsmodells.
Korruptionsrazzia Cottbus (2023)
Im März 2023 stellten die AfD-Abgeordneten Lena Kotre und Lars Schieske eine Kleine Anfrage im Brandenburger Landtag (Drs. 7/7346): „Korruptions-Razzia im Cottbuser Rathaus und im Landratsamt Spree-Neiße". Der Anlass: Ermittlungen gegen einen Unternehmer wegen mutmaßlicher Bestechung von Mitarbeitern der Ausländerbehörde Cottbus für die Erteilung von Arbeitserlaubnissen.
Die Anfrage stellte einen Zusammenhang zu Migrando her: Die damalige Migrando-Geschäftsadresse (Bahnhofstraße, Cottbus) lag im selben Gebäude wie die Baufirma des Beschuldigten. Die AfD fragte konkret, ob bei der Razzia auch bei Migrando durchsucht wurde und ob es Voruntersuchungen gegen das Unternehmen gab.
Die Antwort des Innenministeriums (Drs. 7/7503, 05.04.2023) war ausweichend: Zu Fragen 1–3 „keine Daten verfügbar", zu Frage 4 „laufende Ermittlungen, keine Auskunft", zu Frage 5 Verweigerung unter Berufung auf Datenschutz. Es gibt keine öffentlich zugänglichen Belege dafür, dass Migrando in die Korruptionsermittlungen verwickelt war — die Kleine Anfrage basierte auf dem gemeinsamen Bürogebäude.
Kontroversen & Medienberichte
Migrando steht aus mehreren Richtungen in der Kritik — die mediale Aufmerksamkeit konzentrierte sich besonders auf September 2025:
- NIUS: „Der schnellste Weg zur Einbürgerung: Mit diesem bizarren Video wirbt Migrando für den deutschen Pass" — kritisiert das 2.500-€-Geschäftsmodell und „Tricks" zur Umgehung des B1-Sprachtests (NIUS)
- Junge Freiheit (22.09.2025): „Wie sich die Einbürgerungsindustrie eine goldene Nase verdient" — mit Migrando-Teamfoto (JF)
- Tichys Einblick (10.09.2025): „Einbürgerung wird immer mehr verramscht — und ergaunert" (TE)
- Die Welt (Sept 2025): Kritische Berichterstattung über Migrando (in AfD-Anfrage AN-125/25 referenziert, hinter Paywall)
- NZZ (Nov 2024): „Turbo-Einbürgerung" — Untätigkeitsklagen als „leicht verdientes Geld für Anwälte" (NZZ)
- Lausitzer Rundschau (Nov 2024): Lokalbericht über Ausländerbehörde und spezialisierte Kanzleien in Cottbus (in AfD-Anfrage referenziert)
- Abgeordnetenwatch (Aug 2024): „2.000 € für eine Einbürgerung, die 255 € kostet — ungleicher Zugang" (Abgeordnetenwatch)
- TikTok-Kontroverse: Migrando veröffentlichte ein „auch als Talahon"-Video zur Einbürgerungswerbung, das breite Kritik auslöste
- Trustpilot: Profil geflaggt für potenziell eingeladene Bewertungen
Positiv/Neutral: Radio Cottbus (Feb 2024, Gaststudio), SWR Aktuell (Interview), BTU Cottbus (Kooperationsseminar, 2.500 € Preisgeld).
Migrando positioniert sich als Dienstleister, der die Rechte von Einbürgerungswilligen gegenüber überlasteten Behörden durchsetzt, und betont, dass Untätigkeitsklagen ein legitimes Rechtsmittel darstellen.