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Flüchtlingsrat Brandenburg

Kurzprofil
TypEingetragener Verein
Gründung1994
SitzPotsdam-Babelsberg
Beschäftigte5–10 (geschätzt)
Dokumentierte Förderung~448.937 € (2018–2020)
AMIF allein 2018733.564 €
ESF/AMIF kumuliert~2,5 Mio. € (2015–2019)
Institutionelle FörderungPRO ASYL (jährlich)
DachverbandBAG PRO ASYL (Mitglied)
KategorieNGO-Komplex / Migration

Überblick

Der Flüchtlingsrat Brandenburg ist ein 1994 gegründeter Verein mit Sitz in Potsdam-Babelsberg, der sich als Interessenvertretung für Flüchtlinge im Land Brandenburg positioniert. Als einer der 16 Landesflüchtlingsräte ist er Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) PRO ASYL und damit Teil des PRO-ASYL-Netzwerks — der größten deutschen Lobby-Struktur im Asylbereich.

Trotz einer geschätzten Belegschaft von nur 5–10 Mitarbeitern bewegt der Flüchtlingsrat erhebliche öffentliche Fördermittel: Allein aus dem EU-Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) flossen 2018 rund 733.564 Euro, kumuliert 2015–2019 schätzen Bundestagsantworten das Volumen aus ESF- und AMIF-Mitteln auf rund 2,5 Millionen Euro. Hinzu kommen Landesmittel, Spenden und die institutionelle Förderung durch PRO ASYL.

Gründung & Organisation

Der Flüchtlingsrat Brandenburg wurde 1994 gegründet — in einer Phase, als die ostdeutschen Bundesländer erstmals mit nennenswerten Asylbewerberzahlen konfrontiert waren. Der Verein entstand nach dem Vorbild der westdeutschen Landesflüchtlingsräte, die sich seit den 1980er Jahren als Gegenstruktur zur staatlichen Asylpolitik etabliert hatten.

  • Rechtsform: Eingetragener Verein (e.V.), als gemeinnützig anerkannt
  • Sitz: Rudolf-Breitscheid-Straße 164, 14482 Potsdam (Babelsberg)
  • Geschätzte Beschäftigte: 5–10 (projektfinanzierte Stellen; die genaue Zahl schwankt mit den Projektlaufzeiten)
  • Ehrenamt: Der Verein stützt sich zusätzlich auf ehrenamtliche Mitarbeiter und Netzwerkpartner in den Landkreisen

Der Flüchtlingsrat versteht sich als „unabhängige Menschenrechtsorganisation" und betont seine Unabhängigkeit von staatlichen Stellen — ein Selbstverständnis, das angesichts der überwiegenden öffentlichen Finanzierung (s.u.) in Spannung steht.

Finanzierung

Die Finanzierung des Flüchtlingsrats Brandenburg setzt sich aus EU-Fonds, Bundesmitteln, Landesmitteln und der institutionellen Förderung durch PRO ASYL zusammen:

EU-Fonds (AMIF und ESF)

  • AMIF 2018: 733.564 € — Einzeljahr, dokumentiert in BT-Drs. 19/13432
  • ESF (BleibNet ProQuali): Mehrjähriges Projekt zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen, ESF-kofinanziert
  • Kumuliert 2015–2019: ca. 2,5 Mio. € aus ESF- und AMIF-Mitteln (geschätzt auf Basis der Bundestagsantwort)

Landesmittel Brandenburg

  • Dokumentierte Förderung 2018–2020: ca. 448.937 € (Landesmittel für Beratung und Projektarbeit)
  • Förderung über das Landesintegrationsprogramm und einzelne Projektmittel

PRO ASYL — institutionelle Förderung

PRO ASYL unterstützt alle 16 Landesflüchtlingsräte mit jährlichen Zuschüssen aus dem eigenen Budget (ca. 5 Mio. € Gesamteinnahmen PRO ASYL). Die genaue Höhe der Zuwendung an den Brandenburger Flüchtlingsrat wird nicht separat ausgewiesen. Darüber hinaus fungiert der Flüchtlingsrat als regionale Antragsstelle für den PRO-ASYL-Rechtshilfefonds — er vermittelt Anwälte und leitet Förderanträge weiter.

Spenden

Der Verein wirbt zusätzlich Spenden ein. Der Spendenanteil am Gesamtbudget ist — typisch für Landesflüchtlingsräte — gering im Vergleich zu den öffentlichen Projektmitteln.

Gesamtbild: Für einen Verein mit geschätzten 5–10 Mitarbeitern fließen erhebliche Summen: Allein 2018 über 733.000 Euro AMIF-Mittel, dazu Landesmittel und PRO-ASYL-Zuschüsse. Das Gesamtbudget dürfte in Spitzenjahren bei über 500.000 Euro gelegen haben — pro Mitarbeiter ein Volumen, das erheblich über dem liegt, was vergleichbare Kleinvereine bewegen.

Projekte

Der Flüchtlingsrat Brandenburg betreibt bzw. betrieb folgende geförderte Projekte:

Brandenburg Connect — Förderung der Selbstorganisation von Flüchtlingsgemeinschaften. Vernetzung von Migrantenorganisationen mit lokalen Initiativen. Ziel: Aufbau eigenständiger politischer Strukturen innerhalb der Flüchtlingscommunity.
BleibNet ProQuali — ESF-gefördertes Projekt zur Arbeitsmarktintegration. Qualifizierung und Vermittlung von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive. Kofinanzierung durch den Europäischen Sozialfonds (ESF).
KFB (Kompetenzen für Brandenburg) — Qualifizierungsprogramm für Flüchtlinge und Ehrenamtliche. Schulungen zu Asylrecht, Sozialleistungen und Verfahrensabläufen.
Rechtshilfefonds-Antragsstelle — Regionale Antragsstelle für den PRO-ASYL-Rechtshilfefonds. Vermittlung von Anwälten für Asylverfahren, Aufenthaltsrecht und Klagen gegen Abschiebungen.

Die Projekte zeigen ein typisches Muster: Jedes Projekt ist an einen eigenen Fördertopf gekoppelt (ESF, AMIF, Landesmittel), hat eigene Berichtspflichten und eigenes Personal. Durch die Aufteilung auf mehrere parallele Projekte wird die tatsächliche Gesamtförderung fragmentiert und schwerer nachvollziehbar.

PRO-ASYL-Netzwerk

Der Flüchtlingsrat Brandenburg ist eines von 16 Landesflüchtlingsräten, die als Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft PRO ASYL das operative Netzwerk der größten deutschen Asyl-Lobbyorganisation bilden.

Funktionen im Netzwerk:

  • Antragsstelle Rechtshilfefonds: Flüchtlinge und Unterstützer in Brandenburg stellen über den Flüchtlingsrat Anträge auf Finanzierung von Anwalts- und Verfahrenskosten
  • Anwaltsvermittlung: Vermittlung spezialisierter Asylrechtler vor Ort
  • Politische Vernetzung: Weitergabe von Einzelfällen an PRO ASYL für bundesweite Kampagnen
  • Monitoring: Beobachtung und Dokumentation der Brandenburger Asylpolitik, Erstaufnahme-Bedingungen, Abschiebepraktiken

Die Bundestagsantwort BT-Drs. 19/13432 (September 2019, auf AfD-Anfrage) dokumentiert erstmals systematisch die Förderung aller 16 Landesflüchtlingsräte und offenbart das Ausmaß der AMIF- und ESF-Mittel, die über das Netzwerk fließen.

Verflechtungen

PRO ASYL / BAG PRO ASYL 15 weitere Landesflüchtlingsräte Aktionsbündnis Brandenburg Tolerantes Brandenburg DRK Brandenburg (Erstaufnahme) Diakonie DWBO AWO Brandenburg BAMF (Asylverfahrensberatung) AMIF (EU-Förderung) ESF (EU-Förderung) Landesintegrationsbeauftragte BB Opferperspektive e.V.

Der Flüchtlingsrat ist organisatorisch in mehrere Schichten eingebettet: vertikal über PRO ASYL in die bundesweite Asyl-Lobbystruktur, horizontal über das Aktionsbündnis Brandenburg und Tolerantes Brandenburg in die regionale „Zivilgesellschaft", und operativ über MBE, AMIF und ESF in die staatliche Förderlandschaft.

Diese Mehrfachvernetzung erzeugt einen Effekt, den Kritiker als „Perpetuum mobile der Förderung" beschreiben: Der Flüchtlingsrat erhält Mittel, um Flüchtlinge zu beraten und deren Rechte durchzusetzen. Erfolgreiche Klagen (über den PRO-ASYL-Rechtshilfefonds) schaffen Präzedenzfälle, die weitere Ansprüche begründen, die wiederum Beratungsbedarf erzeugen. Gleichzeitig dokumentiert der Flüchtlingsrat „Missstände" in der Asylpolitik, die als Argument für weitere Förderung dienen.

Kontroversen & Gegenpositionen

Verhältnis Fördersumme zu Organisationsgröße

Ein Verein mit geschätzten 5–10 Mitarbeitern, der in Spitzenjahren über 700.000 Euro AMIF-Mittel plus Landesmittel plus PRO-ASYL-Zuschüsse erhält, wirft Fragen der Verhältnismäßigkeit und Kontrolle auf. Die Bundestagsantwort BT-Drs. 19/13432 zeigt, dass dieses Muster bei allen 16 Landesflüchtlingsräten auftritt — kleine Vereine mit erheblichem Fördermittelvolumen.

„Unabhängigkeit" bei überwiegend öffentlicher Finanzierung

Der Flüchtlingsrat bezeichnet sich als „unabhängig" und positioniert sich als Kritiker staatlicher Asylpolitik — obwohl er ganz überwiegend aus öffentlichen Mitteln (AMIF, ESF, Land) finanziert wird. Diese Spannung zwischen Selbstdarstellung und Finanzierungsrealität ist ein wiederkehrendes Muster im NGO-Bereich.

Politische Agenda vs. humanitärer Auftrag

Der Flüchtlingsrat agiert nicht nur als Beratungsstelle, sondern als politischer Akteur: Er fordert Abschiebestopps, kritisiert die Einstufung sicherer Herkunftsstaaten, organisiert Proteste gegen Abschiebungen und vernetzt Flüchtlinge zur politischen Selbstorganisation (Projekt „Brandenburg Connect"). Diese politische Dimension geht deutlich über humanitäre Hilfe hinaus.

Gegenposition Flüchtlingsrat: Der Flüchtlingsrat betont, dass Menschenrechtsarbeit immer auch politisch sei. Die Beobachtung und Kritik staatlicher Asylpolitik sei eine notwendige zivilgesellschaftliche Funktion. Die öffentliche Förderung finanziere konkrete Beratungsleistungen und Projekte — die politische Positionierung erfolge auf Basis der Erfahrungen aus der Praxis. Als Mitglied des PRO-ASYL-Netzwerks versteht sich der Flüchtlingsrat als Teil einer demokratischen Gegenmacht zur staatlichen Exekutive.

Quellen

[1] Flüchtlingsrat Brandenburg: Offizielle Website
[2] Bundestag: BT-Drs. 19/13432 — Finanzierung von Flüchtlingsräten (Sep 2019, auf AfD-Anfrage)
[5] AMIF Deutschland: Projektdatenbank — geförderte Projekte Brandenburg
[6] ESF-Bundesprogramm: BleibNet / ProQuali — Projektbeschreibung
[7] Aktionsbündnis Brandenburg: Mitgliederverzeichnis