← Zurück zur Übersicht

Opferperspektive e.V.

Opferperspektive e.V.
Kurzprofil
TypEingetragener Verein
Gründung1998
SitzPotsdam
TätigkeitOpferberatung rechte Gewalt, Antidiskriminierungsberatung
HauptfördererTolerantes Brandenburg, Bund (Respekt*Land), BMFSFJ
Finanzierungslücke260.000 €/Jahr (ADB, seit Feb 2026)
Petition5.700+ Unterschriften für Weiterfinanzierung
KategorieNGO-Komplex / Brandenburg

Überblick

Die Opferperspektive e.V. ist ein 1998 in Potsdam gegründeter Verein, der seit dem Jahr 2000 als Deutschlands erste spezialisierte Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt arbeitet. Der Verein berät Betroffene, begleitet sie zu Gerichtsverfahren und dokumentiert Angriffe in einer Chronik politisch motivierter Gewalt in Brandenburg (opferperspektive.de).

Seit 2007 ist die Opferperspektive Teil des Beratungsnetzwerks im Landesprogramm „Tolerantes Brandenburg“ und wird aus Landesmitteln finanziert. Zusätzlich betrieb der Verein eine Antidiskriminierungsberatungsstelle, die zu 90 % aus Bundesmitteln des Programms Respekt*Land finanziert wurde — diese Förderung lief im Februar 2026 aus.

Der Verein steht im Spannungsfeld zwischen seiner Rolle als anerkannte Opferberatungsstelle und politischen Kontroversen um die Abgrenzung zu linksradikalen Strukturen.

Gründung & Leitung

Die Opferperspektive wurde 1998 von Bürgerinitiativen und Einzelpersonen aus dem Umfeld der Anti-Rassismus-Arbeit in Brandenburg gegründet. Ab dem Jahr 2000 etablierte sich der Verein als erste professionelle Opferberatungsstelle für Betroffene rechter Gewalt in Deutschland — ein Modell, das später in allen neuen Bundesländern übernommen wurde (Opferperspektive: Geschichte).

Der Verein arbeitet nach dem Prinzip der parteilichen Beratung: Die Perspektive der Betroffenen steht im Mittelpunkt, nicht eine vermeintlich neutrale Bewertung des Vorfalls. Dieser methodische Ansatz wird von Befürwortern als notwendig angesehen, um das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen, von Kritikern jedoch als Voreingenommenheit gewertet, die eine objektive Dokumentation erschwere.

Finanzierung

Die Finanzierung der Opferperspektive ruht auf mehreren Säulen:

  • Landesprogramm „Tolerantes Brandenburg“: Grundfinanzierung der Opferberatung seit 2007 — zusammen mit demos und dem Toleranzedikt rund 2 Mio. € (2023) für das gesamte Beratungsnetzwerk (tolerantes.brandenburg.de)
  • Bundesprogramm Respekt*Land: Finanzierung der Antidiskriminierungsberatung zu 90 % durch Bundesmittel, 10 % Landeskofinanzierung — ausgelaufen Februar 2026
  • Kofinanzierung Justizministerium BB: 45.000 € jährlich — vom Justizministerium gestrichen, wodurch 200.000 € Bundesmittel gefährdet wurden
  • Spenden und Mitgliedsbeiträge: Ergänzende Finanzierung

Finanzierungskrise 2025/26

Seit Ende 2025 befindet sich die Antidiskriminierungsberatung der Opferperspektive in einer existenziellen Finanzierungskrise:

  • Bundesmittel ausgelaufen: Die Förderung durch das Programm Respekt*Land (ca. 260.000 €/Jahr) endete im Februar 2026
  • Kofinanzierung gestrichen: Das Brandenburger Justizministerium strich die Landeskofinanzierung von 45.000 €, was die Bundesmittel von 200.000 € gefährdete (Bund fordert Landesanteil als Voraussetzung)
  • Petition: Über 5.700 Bürger unterzeichneten eine Petition für die Weiterfinanzierung der Antidiskriminierungsberatung (OpenPetition)

Position der Opferperspektive: Der Verein warnt, dass ohne die Antidiskriminierungsberatung ein flächendeckendes Beratungsangebot in Brandenburg wegfalle und Betroffene von Diskriminierung keine professionelle Anlaufstelle mehr hätten.

Gegenposition: Das Justizministerium begründete die Streichung der Kofinanzierung mit der angespannten Haushaltslage des Landes.

Kontroversen

AfD-Kritik

Der AfD-Fraktionsvorsitzende in Brandenburg, Hans-Christoph Berndt, und der Bundestagsabgeordnete René Springer bezeichneten die Opferperspektive wiederholt als „linksradikale Denunziationsplattform“ und forderten die Streichung aller öffentlichen Mittel. Die AfD-Fraktion im Landtag stellt die Arbeit des Vereins regelmäßig in Kleinen Anfragen in Frage.

Kontakte zur linken Szene

Eine akademische Studie dokumentiert informelle Kontakte der Opferperspektive zur Antifa-Szene in Cottbus. Die Untersuchung beschreibt Überschneidungen zwischen der zivilgesellschaftlichen Opferberatung und informellen antifaschistischen Netzwerken in der Region (Tandfonline, 2023). Die Studie stellt dies als typisches Merkmal zivilgesellschaftlicher Mobilisierung in ostdeutschen Kleinstädten dar, nicht als Beleg für extremistische Verstrickungen.

Auch eine informelle Zusammenarbeit mit dem Bündnis „Cottbus Nazifrei!“ ist dokumentiert — einem breiten Zusammenschluss von Vereinen, Parteien und Einzelpersonen, der von Kritikern als linksdominiert, von Befürwortern als demokratisches Bürgerbündnis eingestuft wird.

Gegenposition

Die Opferperspektive weist die Vorwürfe der AfD als politisch motivierte Diffamierung zurück. Der Verein betone, parteipolitisch unabhängig zu arbeiten und ausschließlich Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu beraten. Die Kooperation mit lokalen Initiativen sei notwendig, um Betroffene zu erreichen.

Verflechtungen

Tolerantes Brandenburg (Beratungsnetzwerk) demos e.V. (Netzwerkpartner) Aktionsbündnis Brandenburg (Mitglied) Demokratie leben! VBRG (Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt) Flüchtlingsrat Brandenburg Cottbus Nazifrei! (informell) Amadeu Antonio Stiftung NGO-Netzwerk Brandenburg (Karte)

Die Opferperspektive ist Gründungsmitglied des bundesweiten Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG), der die Interessen der Opferberatungsstellen auf Bundesebene vertritt und gegenüber dem BMFSFJ als Ansprechpartner fungiert.

Innerhalb Brandenburgs bildet die Opferperspektive zusammen mit demos und dem Aktionsbündnis Brandenburg das Kerndreieck des Beratungsnetzwerks „Tolerantes Brandenburg“.

Parlamentarische Initiativen

Kleine Anfragen AfD (Landtag BB) — Wiederholte Anfragen zur Finanzierung, Tätigkeit und politischen Ausrichtung der Opferperspektive (Brandenburger Landtag, seit 2019)
Petition an den Landtag BB — 5.700+ Unterschriften für Weiterfinanzierung der Antidiskriminierungsberatung (OpenPetition, 2025/26)

Quellen

[1] opferperspektive.de — Offizielle Website
[2] Opferperspektive: Geschichte — Vereinsgeschichte seit 1998
[3] Tolerantes Brandenburg — Landesprogramm/Beratungsnetzwerk
[5] Tandfonline (2023) — Akademische Studie zu zivilgesellschaftlicher Mobilisierung in Cottbus
[6] VBRG — Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt
[7] Potsdamer Neueste Nachrichten — Berichterstattung zur Finanzierungskrise